Hintergründe
Zum Jahresende 2004 hat
sich in der Grafschaft Bentheim eine Initiative zur Schaffung eines alternativen
Wohn- und Beschäftigungsangebotes für Menschen mit geistiger
Behinderung und Mehrfachbehinderung konstituiert.
Gegründet wurde diese Initiative durch
den Unternehmer Wilfried Jeurink, der dieses Projekt als Stiftung fördert.
Sicherlich hat die Tatsache, dass der Unternehmer selber
Vater einer geistig behinderten Tochter ist, den Wunsch, eine Stiftung
zu Gunsten dieses Personenkreises zu schaffen, stark beeinflusst.
Leitgedanke der Initiative ist, dem Paradigmenwechsel
in der Behindertenarbeit Rechnung zu tragen und den Wunsch nach individueller
Lebensführung der zukünftigen Bewohner ernst zu nehmen.
Im Laufe der konzeptionellen Entwicklung,
an der neben dem Initiator auch interessierte pädagogische Fachkräfte
der Behindertenarbeit beteiligt waren, stellte sich der personenzentrierte
Ansatz des amerikanischen Psychologen C.R. Rogers als sinnvolle und zeitgemäße
pädagogische Handlungsgrundlage heraus.
1. Vorwort
2. Wohnform
2.1 Standort und Größe der Einrichtung
2.2 Grundanforderung an das Wohnen erwachsener Menschen mit
Behinderung
2.3 Bedeutung des Wohnens
2.3.1 Das eigene Zimmer
2.3.2 Das Gruppenleben
2.3.3 Bezugsbetreuer
2.3.4 Freizeit
2.3.5 Probewohnen
3. Zielgruppe
4. Aufnahmekriterien
5. Methodische Ausrichtung
6. Zielsetzung
6.1 Rechtliche Zielsetzung
6.1.1 Mitwirkung
6.1.2 Wahrnehmung der Aufsichtspflicht
7. Gesundheitliche und medizinische
Versorgung
8. Tagesstrukturierende Angebote
9. Kreativbereich
10. Zusammenarbeit mit anderen Rehabilitationsträgern/Vernetzung
ins Versorgungssystem
10.1 Arbeit/Beschäftigung
10.2 Gesetzliche Betreuung
10.3 Außenkontakte
10.4 Eltern
10.5 Andere Einrichtungen
11. Personalstruktur
11.1 Qualifikation der Mitarbeiter
11.2 Fort- und Weiterbildung
12. Schlussbemerkung
Vorläufige Konzeption
für die Heilpädagogische Wohngemeinschaft
- „Hof Mühlenvenn“ -
Je mehr ein Individuum verstanden und akzeptiert
wird, desto besser ist es in der Lage, die falschen Fassaden fallen zu
lassen, mit denen es dem Leben begegnet, und desto mehr neigt es dazu,
sich in eine Vorwärtsrichtung zu bewegen.
C.R. Rogers 1973
1. Vorwort
Diese Aussage von C.R. Rogers haben wir
unserer Konzeption zu Grunde gelegt, weil sie prägnant unseren Ansatz
und auch unsere Motivation für den Aufbau eines Wohnheims und einer
Beschäftigungsmöglichkeit für erwachsene Menschen mit einer
geistigen Behinderung deutlich macht.
Rogers geht davon aus, dass die menschliche
Natur grundsätzlich positiv ist.
In einem Klima der Angstfreiheit und der Akzeptanz der gesamten Person,
unabhängig von seiner Leistung oder seinem Wohlverhalten, entwickelt
sich der Mensch aus sich heraus positiv.
Die Bildung solcher zwischenmenschlicher
Beziehungen ist das eigentliche Anliegen von Rogers.
Gleiches gilt für das von uns geplante
Wohnangebot mit angegliederter Tagesbeschäftigung.
Wir möchten unseren um Assistenz fragenden Bewohnern Rahmenbedingungen
schaffen, die es ihnen ermöglichen, sich ihrem individuellen Lebensglück
und ihrer Selbstverwirklichung immer mehr zu nähern.
Die gesellschaftliche Stellung von Menschen
mit Behinderung hat sich durch den Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe
verändert.
Menschen mit Behinderung werden weniger als Objekt der Versorgung, sondern
vielmehr als autonom handelnde Menschen mit Wünschen und Lebensperspektiven
gesehen.
Die neue Sozialgesetzgebung trägt durch verschiedene Einzelmaßnahmen
zu dieser Entwicklung bei.
Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen
ihr Verständnis von professioneller Hilfe und Begleitung in Bezug
auf den Wunsch auf individuelle Lebensführung ihrer Bewohner vor
diesem Hintergrund kritisch hinterfragen.
In diesem Kontext will der Hof Mühlenvenn
seine Bewohner nach ihren individuellen Wünschen und Bedürfnissen
fördern, um ihnen ein größtmögliches Maß an
Selbstständigkeit im Alltag zu ermöglichen.
2. Wohnform
Die Stiftung Jeurink hat inzwischen den
Hof Mühlenvenn gekauft. Die Stadt Nordhorn hat eine Umnutzung des
Landwirtschaftlichen Betriebes zu einem heilpädagogischen Bauernhof
genehmigt.
Der heilpädagogische Bauernhof möchte 24 Personen ein Wohnangebot
bieten.
Aus jetziger Sicht erscheinen geschlechtsgemischte Wohngruppen, bestehend
aus 6 Personen, unserem pädagogischen Ansatz und den Bedürfnissen
der Bewohner angemessen zu sein.
Die Bewohner werden in Einzelzimmern untergebracht.
Zwei Wohneinheiten sollen für Paare in Form kleiner Appartements
entstehen.
2.1 Standort und Größe
der Einrichtung
Der Hof Mühlenvenn liegt ländlich
und naturnah in der Grafschaft Bentheim. Gleichzeitig sind Supermarkt
(2 km), Freibad (2 km) und Innenstadt (4 km) so nah, dass diese Ziele
leicht mit dem Rad zu erreichen sind. Die soziale Teilhabe der Bewohner
am gesellschaftlichen Leben ist durch die Lage des Hofes nicht eingeschränkt.
Der Hof soll 24 Bewohnern Arbeits- und Lebensmöglichkeiten bieten.
Diese Kriterien erfüllt dieser Hof am Alten Postweg im Nordhorner
Ortsteil Brandlecht in großem Maße.
Zum Hof gehören ca. 2 Ha. Land- und Ackerfläche.
2.2 Grundanforderung an das
Wohnen erwachsener Menschen mit Behinderung
Da jeder Mensch Anspruch auf individuelle
Lebensführung hat, bietet der Hof Mühlenvenn seinen Bewohnern
in allen Bereichen der täglichen Lebensführung Hilfen.
Individuelle Lebensführung im Bereich Wohnen beinhaltet:
- wirtschaftliche Versorgung
- Gestaltung der Freizeit innerhalb und außerhalb des Wohnheims
- Wahrnehmung sozialer Kontakte
- Wahl der Intimpartner und die Art des Umgangs
- Wahrnehmung des Hausrechts und aller weiteren mit dem Wohnen verbundenen
Rechte
2.3 Bedeutung des Wohnens
Um die Versorgung und den physischen Schutz
des Menschen über die primären Funktionen des Wohnens hinaus
zu gewährleisten, ist das Zuhause
der Ort, der dem Menschen das höchste Maß an privater Selbstentfaltung
bietet.
Hier kann er unabhängig von gesellschaftlicher Beobachtung seine
individuellen Neigungen und Vorlieben ausleben.
Menschen mit Behinderung bewegen sich hier nicht im ständigen Spannungsfeld
von Überforderung und gesellschaftlicher Ausgrenzung.
Das Zuhause ist der Ort, an dem jeder Mensch seine individuellen Qualitäten
zum Ausdruck bringen kann.
2.3.1 Das eigene Zimmer
Jeder Bewohner des Hofes Mühlenvenn
hat den Anspruch auf ein Einzelzimmer. Im eigenen Zimmer zieht sich der
Bewohner bewusst vom Gruppenleben zurück. Das eigene Zimmer ist Hoheitsgebiet
des jeweiligen Bewohners und garantiert ihm Privatsphäre.
2.3.2 Das Gruppenleben
Die Wohngruppengröße von sechs
Bewohnern gewährleistet ein überschaubares Wohnumfeld mit vertrauten
sozialen Bindungen. Das Maß an Gruppendynamik wird durch die begrenzte
Gruppengröße reduziert. Dies bewirkt im Vergleich zu größeren
Wohngruppen den Abbau des Konfliktpotentials.
Durch gegenseitige Rücksichtnahme, ohne soziale Überforderung,
entsteht ein Gruppengefühl, an dem alle Bewohner wachsen und das
zur Stärkung des individuellen Selbstvertrauens führt.
Ein Zusammenleben in einer Gruppe beinhaltet Pflichten und Regeln. Diese
Pflichten und Regeln werden nicht von den pädagogischen Mitarbeitern
bestimmt. Jede Wohngruppe erarbeitet ihre „Wohnregeln“ selbst.
Jeder einzelne Bewohner kann sich an den Entscheidungsprozessen beteiligen,
die am Ende einer Entscheidungsfindung durch die Wohngruppenmitarbeiter
auf eine für alle Bewohner verstehbare Formel gebracht wird.
2.3.3 Bezugsbetreuer
Jedem Bewohner des Hofes Mühlenvenn
steht ein Bezugsbetreuer, der durch den Bewohner gewählt wird, zur
Seite.
Dieser pädagogische Mitarbeiter soll in einem intensiven Austausch
mit dem Bewohner stehen. Der Hilfeplan für diesen Bewohner wird durch
den Bezugsbetreuer unter Einbeziehung des Betroffenen erstellt.
2.3.4 Freizeit
Seitens der Mitarbeiter des Hofes wird
ein breites Angebot von Maßnahmen zur Freizeitgestaltung innerhalb
und außerhalb des Hauses angeboten. Dem Gedanken der Integration
wird bei den Freizeitaktivitäten besonders Rechnung getragen.
2.3.5 Probewohnen
Der Schritt aus der Herkunftsfamilie in
eine andere Wohnform kann nur behutsam erfolgen. Alle Beteiligten an diesem
Prozess, insbesondere der um den Wohnheimplatz Fragende, müssen sich
an die neuen Umstände gewöhnen.
Deshalb wird seitens des Hofes Mühlenvenn ein einwöchiges Probewohnen
angeboten.
3. Zielgruppe
Der Hof bietet Menschen mit geistiger Behinderung
und Mehrfachbehinderung ein unbefristetes, lebenslanges Wohnangebot.
Aufgenommen werden erwachsene Menschen mit einer geistigen Behinderung
auf der Grundlage des SGB XII § 53, die in der Werkstatt für
Behinderte beschäftigt sind, oder im landwirtschaftlichen Bereich
des Hofes, der im Sinne einer WfbM geführt wird, arbeiten.
Der Personenkreis, der die Angebote des heilpädagogischen Bauernhofes
annimmt, ist weitestgehend auf Förderung und Hilfe angewiesen, die
zum großen Teil in einem Gruppenkontext stattfindet. Es werden von
den Bewohnern also weniger „Hilfen bei Bedarf“ abgefragt,
als vielmehr ein nahezu permanentes Angebot an Hilfen und Förderung.
Der Schwerpunkt der Hilfen liegt weniger in der pflegerischen Versorgung
der Bewohner, als vielmehr in deren Förderung.
Das Angebot richtet sich auch an Menschen, die, auf Grund vorhandener
gegebener Strukturen größerer Wohngruppen, Integrationsprobleme
haben.
Das Wohnheim ist dem Leistungstyp 2.2.3.1 zugeordnet.
4. Aufnahmekriterien
Eine Aufnahme in den Hof Mühlenvenn
setzt Freiwilligkeit voraus.
Die Bewohner sollten in der Lage sein, eine externe WfbM zu besuchen,
oder in der Landwirtschaft des Hofes tätig zu sein.
Vor der Aufnahme soll die Kostenübernahme geregelt sein.
Der heilpädagogische Bauernhof ist auf Grund seines Personalschlüssels
in erster Linie auf die Förderung und Betreuung von Menschen mittleren
Hilfebedarfs eingerichtet (Beschreibung der Hilfebedarfsgruppen nach Metzler).
Unter Beachtung des Grundsatzes der orts- und familiennahen Versorgung
werden vorrangig Personen aus dem näheren Einzugsgebiet aufgenommen.
5. Methodische Ausrichtung
Aufgrund unserer Orientierung am humanistischen
Menschenbild C.R. Rogers ist selbstbestimmtes Wohnen ein wesentliches
Merkmal unserer Einrichtung.
Selbstbestimmtes Wohnen heißt, individuelle Gestaltung des Wohnumfeldes
und Bestimmung des Hilfebedarfs durch den Bewohner selbst. Den Bewohnern
stehen bei diesen Entscheidungen die Mitarbeiter des Hofes beratend zur
Seite.
Hierbei wird Förderung als ein Angebot verstanden, welches der Bewohner
annehmen, aber auch ablehnen kann.
Der Bewohner bestimmt die Geschwindigkeit
seiner Entwicklung, und damit auch seiner Förderung, selbst. Die
pädagogische Aufgabe des Fachpersonals besteht darin, die Bewohner
durch Anregung und Unterstützung auf diesem Weg zu begleiten. Die
Rolle des Mitarbeiters ist die des kongruenten, emphatisch akzeptierenden
Begleiters.
Das heißt nicht, dass der pädagogische Mitarbeiter eine passive
Rolle einnimmt. Er macht dem Hilfebedarf des Betroffenen entsprechende
pädagogische Angebote, die auf eine ganzheitliche Förderung
des Bewohners abzielt.
Diese pädagogische Haltung drückt
sich auch im Empowerment-Konzept aus. Der Grundgedanke des Empowerment-Konzepts
ist die Stärkung von Menschen, die sich in einer machtlosen Situation
befinden. Unter Stärkung ist dabei das Entdecken, Bewusstwerden,
Fördern und Entwickeln von Ressourcen gemeint.
Das Empowerment-Konzept sieht den Menschen mit Behinderung nicht als defizitäres
Objekt, sondern stellt dessen individuelle Stärken, Fähigkeiten
und Potentiale in den Mittelpunkt der Betrachtungsweise.
6. Zielsetzung
Der Hof Mühlenvenn möchte seinen
Bewohnern einen Ort bieten, an dem er sich wohlfühlt und zu Hause
ist. Überschaubarkeit des persönlichen Wohnumfeldes und Beständigkeit
in den Beziehungen zum Fachpersonal stellen wichtige Orientierungshilfen
dar. Durch Sicherheit und Vertrautheit wird ein Klima generiert, dass
die Vorraussetzung für die positive Entwicklung der bei uns wohnenden
Menschen schafft.
Der Hof Mühlenvenn will mit seinen speziellen Möglichkeiten
die Gesamtpersönlichkeit des einzelnen Bewohners fördern.
Ein Höchstmaß an individueller Souveränität der Bewohner
wird angestrebt.
Durch die beschränkte Bewohnerzahl und kleinerer Wohngruppengrößen
sollen die Einrichtungsimmanentenprobleme einiger größerer
Wohnheime
(z. B. ein destruktiver Umgang in den Wohngruppen, der durch mangelnde
Selbstentfaltungsmöglichkeiten der Bewohner entstehen könnte)
verhindert werden.
Das individuelle “ Lebensglück“
jedes Einzelnen steht im Mittelpunkt der Arbeit des Hofes Mühlenvenn.
Das pädagogische Fachpersonal der
Einrichtung will den um Assistenz fragenden Menschen Handlungskompetenzen
vermitteln, die für die alltägliche Lebensbewältigung notwendig
sind.
Der Hof bietet den Bewohnern durch seine pädagogische Arbeit Aktivierung
im körperlichen, geistigen und sozialen Bereich.
Die Förderung des Hofes Mühlenvenn
zielt auf einen möglichst hohen Grad der Verselbstständigung
der Bewohner.
Je nach Schwere der Behinderung wird eine Förderung angestrebt, die
der Bewohner möglichst unabhängig von Versorgung und Betreuung
durch die Einrichtung macht.
Nach einer Phase des Eingewöhnens
und Kennenlernens werden die jeweiligen konkreten, individuellen Zielsetzungen
mit den Bewohnern erarbeitet, in Förderplänen niedergelegt und
regelmäßig überprüft.
6.1 Rechtliche Zielsetzung
In Wohnheimen besteht für die Betroffenen,
auf Grund von einrichtungsspezifischen Arbeitsabläufen und anderer,
primär nicht auf Kontrolle der Bewohner zielenden Handlungen, die
Gefahr der Tendenz zur Fremdbestimmung. Dieser Tatsache möchte der
Hof Mühlenvenn entgegenwirken.
Die Grundrechte aller Bewohner bleiben gewahrt. Sie konkretisieren sich
z.B. in dem angesprochenen Punkt „ Selbstbestimmung in allen Lebensbereichen“.
Maßnahmen zur eigenen Sicherheit
der Bewohner sind möglicherweise mit Einschränkungen von Grundrechten
verbunden.
Dort wo eine Einschränkung der persönlichen Freiheit eines Bewohners
alternativlos notwendig erscheint, wird diese Maßnahme in einem
fachlichen Team (auch externen Teilnehmern, wie rechtlichen Betreuern,
Ärzten usw.) besprochen, protokolliert und regelmäßig
überprüft.
6.1.1 Mitwirkung
Da wir die Bewohner des Hofes als autonome
und willensbekundende Individuen ansehen, sollen sie in möglichst
allen Bereichen der Gestaltung des Hoflebens mitbestimmen.
Die Bildung eines Heimbeirats fördert den offenen Austausch zwischen
Bewohnern und Betreuungspersonal.
Die Bewohner werden bei der Wahrung ihrer Interessen im Sinne des Heimgesetzes
unterstützt.
6.1.2 Wahrnehmung der Aufsichtspflicht
Jeder aktiv lebende Mensch setzt sich einem
Risiko aus. Dies ist bei Menschen mit Behinderung grundsätzlich nicht
anders. Der Hof Mühlenvenn ist keine geschlossene Einrichtung.
Das pädagogische Fachpersonal thematisiert mit dem jeweiligen Bewohner
mögliche, individuelle Gefährdungspotenziale und bietet Hilfen
an, um Gefahren abzuwenden.
7. Gesundheitliche und Medizinische
Versorgung
Die Bewohner bestimmen den Arzt ihrer Wahl
selbst.
Das pädagogische Fachpersonal unterstützt die Bewohner bei der
möglichen regelmäßigen Einnahme von Medikamenten. Es wird
eine Dokumentation über Einkauf, Lagerung und Vergabe der Medikamente
geführt. Das pädagogische Fachpersonal berät die Bewohner
hinsichtlich gesunder Lebensführung, Vorsorgeuntersuchung und anderer
gesundheitlicher Belange.
8. Tagesstrukturierende Angebote
Im Moment stehen die Initiatoren des Hofes
Mühlenvenn in Verhandlung mit der Lebenshilfe Nordhorn. Der Hof Mühlenvenn
wird eine Vereinbarung mit der Lebenshilfe in Hinblick auf die Bewirtschaftung
des Hofes im Sinne einer WfbM treffen. Die Lebenshilfe wird nach Vertragsabschluss
eigenständig den landwirtschaftlich geprägten WfbM-Bereich auf
dem Hof bewirtschaften.
Arbeit ist für die meisten Menschen
eine sinnvolle tagesstrukturierende Maßnahme. Hier können sie
ihre Talente einbringen und sich im Idealfall selbst verwirklichen. In
der Arbeit erfahren die Menschen gesellschaftliche Anerkennung und verdienen
zudem ihr eigenes Geld.
Das Beschäftigungsangebot des landwirtschaftlichen
Bereiches des Hofes bietet sinnorientiertes Arbeiten. Das heißt,
der Sinn der Tätigkeit und der Bezug zwischen Handlung und deren
Auswirkung können von den Bewohnern erfasst werden.
Die biologisch orientierte Bewirtschaftung
des Bauernhofes bietet eine große Anzahl unterschiedlichster Aufgaben.
Den Bewohnern kann so nach Neigung und Schwere Ihrer Behinderung ein adäquates
Beschäftigungsangebot gemacht werden.
9. Kreativbereich
Im Kreativbereich stehen unterschiedliche
Angebote zur Verfügung, wie möglicherweise Töpferei und
Kerzenherstellung.
Je nach Neigung der Bewohner werden musikalische Ausdrucksmöglichkeiten
angeboten.
10. Zusammenarbeit mit anderen
Rehabilitationsträgern / Vernetzung ins Versorgungssystem
Kleine Wohn– und Beschäftigungseinrichtungen
sind nur begrenzt in der Lage, ein multiprofessionelles Angebot vorzuhalten.
Eine Zusammenarbeit mit anderen Trägern oder Beratungsstellen ist
deshalb besonders wichtig.
10.1 Arbeit/Beschäftigung
Die Bewohner des Hofes Mühlenvenn
können entweder der landwirtschaftlich geprägten Beschäftigung
(WfbM der Lebenshilfe) auf dem Hof nachgehen, oder die WfbM der Lebenshilfe
Nordhorn besuchen. Eine andere Tagesbeschäftigung ist nach Absprache
ebenfalls möglich.
Beim Besuch eines Bewohners in der externen WfbM wird in Absprache mit
dem Bewohner eine enge Zusammenarbeit mit der betroffenen Einrichtung
angestrebt.
Der Hof Mühlenvenn nimmt den Anspruch der Integration ernst.
Das heißt, soweit es möglich ist und es dem Wunsch des Betroffenen
entspricht, wird eine Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt angestrebt.
10.2 Gesetzliche Betreuung
Bei Bewohnern mit einer gesetzlichen Betreuung
wird eine enge Zusammenarbeit mit dem gesetzlichen Betreuer angestrebt.
10.3 Außenkontakte
Der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben
der Bewohner, wird seitens der Mitarbeiter des „Hofes Mühlenvenn“
besondere Bedeutung beigemessen.
Um ein reges soziales Leben auf dem Hof Mühlenvenn führen zu
können, sind Besuche von Menschen aus der Umgebung ausdrücklich
erwünscht.
Außerdem will das pädagogische Team den Bewohnern des Hofes
die aktive Teilnahme am sozialen Leben der Dorfgemeinschaft ermöglichen.
Deshalb wird ein Austausch mit Vereinen, Gruppen und Initiativen in der
Nähe des Hofes angestrebt.
Der Hofladen und die Hofcafeteria sollen neben dem Verkauf von Hofprodukten
auch eine Möglichkeit des sozialen Miteinanders sein.
10.4 Eltern
Jeder Mensch ist in seiner Herkunftsfamilie
verwurzelt. Die Ablösung von den Eltern ist häufig ein Prozess,
die der pädagogischen Begleitung bedarf. Dieser Schritt bedeutet
für die Familien eine Phase einschneidender Veränderungen und
wird häufig als Krise erlebt. Für uns ist der Auszug eines erwachsenen
Menschen aus der Familie jedoch auch ein legitimer und notwendiger Schritt
auf dem Weg zum Erwachsenwerden.
Besuche der Eltern auf dem Hof oder Gegenbesuche der Bewohner bei den
Eltern sind wichtige Elemente der Kontaktpflege.
Unter Berücksichtigung der Bewohnerinteressen findet ein Austausch
zwischen Eltern und pädagogischem Fachpersonal statt.
10.5 Andere Wohneinrichtungen / Betreutes
Wohnen
Der Zusammenarbeit mit Trägern anderer
Wohneinrichtungen und speziell des betreuten Wohnens kommt eine besondere
Bedeutung zu.
Die Mitarbeiter des Hofes Mühlenvenn stehen den Bewohnern, deren
Verselbstständigung soweit fortgeschritten ist, dass sie auch ein
weniger betreuungsintensives Wohnangebot annehmen können, beratend
zur Seite.
11. Personalstruktur
Der Personalschlüssel ist abhängig
vom Ausgang der Verhandlungen mit dem Niedersächsischen Landesamt
für Soziales, Jugend und Familie. Eine Nachtbereitschaft ist auf
dem Hof anwesend. Eine Fachkraft ist ständig rufbereit.
11.1 Qualifikation der Mitarbeiter
Die pädagogischen Mitarbeiter des
Hofes sind Fachkräfte für Therapie, soziale Betreuung und Förderung,
sowie für Pflege. Unterstüzt werden sie durch andere Mitarbeiter
aus Helferberufen.
11.2 Fort- und Weiterbildung
Den Mitarbeitern des Hofes Mühlenvenn
wird regelmäßig die Gelegenheit gegeben, an Fort- und Weiterbildungen
teilzunehmen.
Supervision wird als ein zentrales Instrument professioneller pädagogischer
Betreuung gesehen.
12. Schlussbemerkung
Diese Konzeption legt die heilpädagogische
Haltung der Initiatoren des Hofes Mühlenvenn dar. Sie ist neben der
Leistungsbeschreibung und der Beschreibung der Maßnahmen zur Qualitätssicherung
ein Bestandteil der pädagogisch- organisatorischen Gesamtbeschreibung
dieses Projekts.
Stand der Konzeption: 12.12.2005
Ulrike Kampen-List
Wilfried Jeurink
Bernd Wilmink
Ansprechpartner: Bernd Wilmink, Mühlenstr.
9, 49828 Neuenhaus
Telefon: 05941/920560
Dieser Text wurde dem Hof Mühlenvenn freundlicherweise von Frau Marlis Pörtner zur Verwendung überlassen.
Marlis Pörtner, Psychologin, Psychotherapeutin, Autorin lebt in Zürich. Sie arbeitet als Psychotherapeutin in eigener Praxis, seit vielen Jahren auch mit Menschen mit geistiger Behinderung. Zudem ist sie in Praxisberatung und Fortbildung für Mitarbeitende sozialer Institutionen tätig.
Der Text beschreibt wie der Personenzentrierte Ansatz im Wohnheimalltag von Menschen mit Behinderung praktisch umgesetzt wird.
Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen
In meinem Buch "Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen," 1996. 2004 Klett-Cotta, Stuttgart) entwerfe ich auf personzentrierten Grundlagen ein Konzept, das ganz auf die praktische Arbeit im Alltag sozialer Institutionen zugeschnitten ist: Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung, für alte und pflegebedürftige Menschen, psychiatrische Kliniken, usw. also im weitesten Sinne für Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung brauchen. Es vermittelt den Mitarbeiterinnen konkrete Handhaben, wie sie mit den ihnen anvertrauten Menschen, vor allem auch solchen mit geistiger Behinderung personzentriert arbeiten können. Im folgenden werden einige zentrale Aspekte dieses Konzeptes vorgestellt.
Was heißt personzentriert arbeiten?
Personzentriert arbeiten heißt: nicht von Vorstellungen ausgehen, wie Menschen sein sollten, sondern davon, wie sie sind, und von den Möglichkeiten, die sie haben. Personzentriert arbeiten heißt, andere Menschen in ihrer ganz persönlichen Eigenart ernst nehmen, versuchen ihre Ausdrucksweise zu verstehen, und sie dabei unterstützen, eigene Wege zu finden, um - innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten - angemessen mit der Realität umzugehen.
Personzentriert arbeiten heißt: mit den betroffenen Personen, nicht für sie Probleme lösen, Projekte entwickeln, Entscheidungen treffen; ihre unterschiedlichen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Ansichten berücksichtigen und einzubeziehen und ihnen im Rahmen ihrer Möglichkeiten Selbstverantwortung zutrauen. Personzentriert arbeiten heißt, die Ressourcen eines Organismus - sei das nun eine Person oder eine Gemeinschaft - aufspüren und fördern. Mit "fördern" ist jedoch nicht gemeint, Ziele für andere Menschen festzulegen (auch wenn sie uns noch so sinnvoll erscheinen mögen), die sie erreichen sollen, sondern: Bedingungen schaffen, in denen Menschen Entwicklungsschritte machen können, aber nicht müssen.
Personzentriert arbeiten heißt auch, den Bezugsrahmen klar zu erkennen. Da ist einerseits der gegebene Rahmen der Institution, der finanziellen Mittel, der Kompetenzen der beteiligten Personen usw., der berücksichtigt und transparent gemacht werden muss. Andererseits ist es in gewissen Bereichen und in bestimmten Situationen notwendig, einen Rahmen zu setzen, damit Ressourcen freiwerden und Fähigkeiten sich entwickeln können. Wie dieser Rahmen beschaffen sein soll, damit er nicht einengt, sondern Schutz bietet und Freiraum absteckt, ist je nach Berufsfeld, Aufgabe und individuellen Gegebenheiten verschieden. Den geeigneten Rahmen zu erkennen und zur Verfügung zu stellen, ist ein zentraler Aspekt personzentrierter Arbeit mit Menschen, die in irgendeiner Form Betreuung oder Begleitung brauchen.
Entscheidend ist dabei, die Menschen weder zu überfordern, noch zu unterfordern. Beides ist dem seelischen Wohlbefinden nicht zuträglich und begünstigt psychische Störungen. Von der Gratwanderung zwischen Überforderung und Unterforderung fühlen sich oft auch die Bezugspersonen überfordert, denn der Grat ist sehr schmal, und es ist nicht immer leicht, hier die richtige Balance zu finden. Rezepte dafür gibt es nicht - das gilt insgesamt für diesen Arbeitsbereich - aber es gibt konkrete Orientierungshilfen.
Das personzentrierte Konzept, das ich hier vorstelle, gibt solche Orientierungshilfen. Einige davon sollen nachstehend skizziert werden. Ihm liegt meine langjährige Erfahrung als Supervisorin und Praxisberaterin sozialer Institutionen zugrunde, sowie meine psychotherapeutische Arbeit mit Menschen mit geistiger Behinderung. Es bietet ein Gerüst, an dem das Handeln sich orientieren kann und überprüfen lässt, und in diesem Sinne ist es auch als Instrument der Qualitätssicherung geeignet, indem es Kriterien zur Verfügung stellt, welche sich auf Lebensqualität und Entwicklungsmöglichkeiten der Klienten beziehen. Das Konzept beschreibt die gemeinsame Arbeitsgrundlage, den verbindlichen Rahmen für alle beteiligten Mitarbeiter, und steckt zugleich Spielraum ab für individuelle Arbeitsgestaltung. Damit sind wir bei einem ersten zentralen Aspekt dieser Arbeit, denn nicht nur die Mitarbeiterinnen brauchen sowohl einen verbindlichen Rahmen wie auch genügend Spielraum, um ihre individuellen Ressourcen nutzen zu können, sondern auch die Menschen, für die sie arbeiten.
Das Gleichgewicht zwischen Rahmen und Spielraum
ist ein tragendes Element der Alltagsgestaltung. Dieses Gleichgewicht ist keine feste Größe, sondern muss immer wieder neu gefunden werden. Die Frage: "Wie ist es in dieser konkreten Situation, für diesen Menschen, unter diesen Rahmenbedingungen und was hat Priorität?" stellt sich stets von neuem. Rahmen und Spielraum bedingen sich gegenseitig: das eine ist nichts ohne das andere. Ein Rahmen ist nur dann sinnvoll, wenn er Spielraum absteckt, und Spielraum kann nur dann genutzt werden, wenn er überschaubar ist, also einen klaren Rahmen hat. Ist der Rahmen zu weit und für den betreffenden Menschen nicht überschaubar, kann das massive Unsicherheit und Ängste auslösen. Ist er zu eng und zu einschränkend, führt das - je nach Persönlichkeit - zu Apathie und Abstumpfung, oder zu Auflehnung und Aggressionen.
Manchmal fehlt bei Menschen mit geistiger Behinderung oder bei alten Menschen mit Abbauerscheinungen nur ein kleines Verbindungsstück, eine Verknüpfung, die sie nicht machen können, um eine Situation zu überblicken oder zu bewältigen. Wenn die Bezugspersonen solche Lücken differenziert wahrnehmen, können sie dem betreffenden Menschen eine Stütze anbieten, die es ermöglicht, sie zu überbrücken. Solche Stützen für selbständiges Handeln können den persönlichen Spielraum erheblich erweitern und sind zugleich Bausteine für einen Rahmen, der hilft, aber nicht unnötig einschränkt. Dabei ist es wichtig, dass die Betreuer sensibel auf die Reaktionen der betroffenen Menschen achten, denn ob das gefundene Gleichgewicht ihnen tatsächlich entspricht, können wir nur von ihnen selber erfahren. Auch deshalb ist es wichtig, dass Bezugspersonen
Die Sprache des Gegenübers finden
Mit Sprache ist hier nicht nur die verbale, sondern die gesamte Ausdrucksweise einer Person gemeint. Gerade bei Menschen, die nicht sprechen, ist es besonders wichtig, auch die nicht verbalen Signale wahrzunehmen und darauf einzugehen. Das können ganz feine Dinge sein: ein kaum merkliches sich Anspannen oder Lösen, eine Veränderung im Gesichtsausdruck, ein tiefer Atemzug.
Wir sollten uns jedoch nicht nur darum bemühen, die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, zu verstehen, sondern auch darum, eine Sprache zu finden, die sie verstehen und die ihrem Erleben nahe ist. Nicht immer geht es dabei um die "richtigen Worte", sondern oft auch um die "richtigen Gesten". Die Sprache des Gegenübers finden, heißt: anschaulich machen, sichtbar machen, Dinge so darstellen, dass sie für den anderen Menschen begreiflich und nachvollziehbar werden. Das kann auch heißen: ihn an der Hand nehmen und ihm etwas zeigen. In diesen Zusammenhang gehört ein weiterer Aspekt, der nicht sorgfältig genug beachtet werden kann:
Klarheit
ist für Menschen mit geistiger Behinderung und / oder psychischen Problemen, ebenso wie für alte Menschen mit Abbauerscheinungen und Orientierungsschwierigkeiten, ganz besonders wichtig, denn sie hilft ihnen, sich in der Realität zurechtzufinden. Das wird oft unterschätzt. Klare verständliche Information, auch wenn sie etwas Negatives beinhaltet, ist eine unbedingte Notwendigkeit. Dabei muss stets der Bezugsrahmen des Gegenübers berücksichtigt werden: was uns selber klar und offensichtlich erscheint, ist es nicht immer auch für andere, besonders wenn ihre Auffassungs- und Denkfähigkeit eingeschränkt oder verlangsamt ist. Durch einfache, klare Hinweise in einer Sprache, die sie verstehen kann, muss die Situation für die andere Person überschaubar gemacht werden. Die Erfahrung zeigt immer wieder, wie sehr diffuse oder zweideutige Botschaften Menschen mit psychischen und geistigen Beeinträchtigungen verunsichern und verwirren und auffälliges Verhalten auslösen können.
Nicht was fehlt, ist entscheidend, sondern was da ist
Auch dieser Grundsatz der personzentrierten Sichtweise gilt nicht nur, aber ganz besonders für Menschen mit geistiger Behinderung. Für die Bezugspersonen heißt das, nicht immer vorwiegend auf die Symptome der Behinderung zu starren, sondern auch die Fähigkeiten wahrzunehmen, die ein behinderter Mensch entwickelt, um mit dem Alltag zurechtzukommen und schwierige Situationen zu bewältigen - auch wenn diese ganz eigene Art und Weise vielleicht nicht ganz dem entspricht, was üblicherweise erwartet und als "normal" betrachtet wird. Menschen mit geistiger Behinderung müssen mit dem leben, was ihnen zur Verfügung steht, und brauchen dabei unsere Unterstützung. Wenn sie ständig nur mit dem konfrontiert werden, was ihnen fehlt und was sie nicht können, so untergräbt das jegliches Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten und entmutigt sie immer mehr. Das Potential zu Veränderung und Weiterentwicklung liegt nicht in den Defiziten, sondern in den ganz persönlichen Ressourcen - die möglicherweise verschüttet, nicht zugänglich oder nicht entwickelt sind. Auf die kommt es an, die gilt es aufzuspüren und zu fördern. Es ist manchmal erstaunlich, zu welch unerwarteten Schritten behinderte Menschen plötzlich fähig sind. Schritte, welche die Bezugspersonen ihnen niemals zugetraut hätten oder die ihnen gar nicht in den Sinn gekommen wären. Selbst wenn diese Schritte nicht groß sind, so weisen sie doch darauf hin, dass etwas da ist, das entwickelt und genutzt werden könnte.
Die kleinen Schritte
werden im Alltag allzu leicht übersehen. Dabei können sie nicht genug beachtet und ermutigt werden, denn jeder Schritt, und sei er noch so klein, beweist die Fähigkeit, Schritte zu machen, und enthält das Potential zu weiteren Schritten.
Menschen mit geistiger Behinderung sind in der Regel langsamer und können weniger große Abschnitte überblicken als wir. In einem weitgehend vom Tempo der "Normalen" bestimmten Alltag erleben sie permanent, dass sie überrannt werden und nicht mitkommen. Leichter behinderte Menschen entwickeln oft ein erstaunliches Geschick, das zu überspielen. Die Bezugspersonen merken es meist gar nicht und überfordern sie noch mehr.
Die Erfahrung des Ungenügens, des nicht Nachkommens ist für viele Menschen mit Behinderungen so allgegenwärtig und erdrückend, dass ihnen die Bedeutung der kleinen Schritte, die ihnen hin und wieder gelingen, kaum bewusst wird. Es lohnt sich, solche kleinen Schritte geradezu "mit der Lupe zu suchen" und sie zu bestärken, auch wenn sie in eine andere Richtung führen als die Bezugspersonen erwarten. Das schafft ein Gegengewicht zu dem ständigen Gefühl, nicht zu genügen und minderwertig zu sein, das vielen Menschen mit geistiger Behinderung, aber auch älteren Menschen, deren Fähigkeiten abnehmen, zu schaffen macht. In diesen Zusammenhang gehört auch der nächste Punkt:
Der Weg ist ebenso wichtig wie das Ziel
Sich erleben als jemand, der in der Lage ist, sich auf den Weg zu machen und etwas zu verändern, ist oft viel entscheidender als ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Problematik sogenannter Verhaltens- oder Erziehungsziele besteht darin, dass Erfolg lediglich daran gemessen wird, ob sie erreicht werden oder nicht. Der Blick ist starr auf das Ziel gerichtet. Impulse, die in eine andere Richtung weisen, bleiben unbeachtet, obschon sie ganz neue Perspektiven eröffnen könnten, wenn die Bezugspersonen nicht so fixiert wären auf das von ihnen formulierte Ziel. So werden beim behinderten Menschen Gefühle wie "Ich schaffe es nicht", "ich kann nichts" verstärkt - und damit die Anfälligkeit für psychische Probleme.
Eigene Erfahrungen ermöglichen und auf das Erleben eingehen
Wann immer es geht, muss Menschen mit geistiger Behinderung - auch solchen mit schwerer Behinderung - ermöglicht werden, eigene Erfahrungen zu machen. Anstatt die schwer behinderte Frau zurückzuziehen, die beim Spaziergang im Areal auf das geschlossene Tor zur Strasse zugeht, kann die Mitarbeiterin sie am Tor fühlen lassen, ob es offen ist. Das stellt Kontakt zur Realität her. Die Frau erfährt ganz konkret, dass das Tor zu ist und sie nicht hinauskann. Es ist nicht die Mitarbeiterin, die sie daran hindert. Immer wieder zeigt sich, dass Menschen mit geistiger Behinderung sich sehr viel besser mit einer Tatsache abfinden können, die sie real erfahren - auch wenn sie ihren Wünschen entgegensteht - als wenn sie diese als Willkür der Bezugspersonen erleben.
Ihr Augenmerk auf das Erleben zu richten, ist für viele Bezugspersonen zunächst ungewohnt. Sie sind viel mehr auf das ausgerichtet, was geschieht, als darauf, wie etwas geschieht und wie es erlebt wird. Der Betreuer versucht, die behinderte Frau zu überzeugen, dass die Situation in Wirklichkeit ganz anders ist, als sie meint, anstatt darauf einzugehen, wie sie es erlebt, und von da aus nach Lösungen zu suchen. Veränderung kann nur aus dem eigenen Erleben entwickelt werden, nicht von außen. Deshalb ist es so wichtig, dass Bezugspersonen sich in das Erleben der Menschen, die sie betreuen, einfühlen können. Wenn ihre Wahrnehmung erst einmal sensibilisiert ist für die Art und Weise des Erlebens anderer Menschen, eröffnen sich ihnen ganz neue Aspekte der Beziehung und Kommunikation.
Gefühle - auch "negative" - wahrnehmen und zulassen zu können, trägt ganz wesentlich zum seelischen Gleichgewicht und Wohlbefinden bei. Wenn Bezugspersonen akzeptierend auf solche Gefühle eingehen, können sie der emotionalen Entfremdung entgegenwirken, an der so viele Menschen mit geistiger Behinderung leiden. Oft muss bei ihnen der Zugang zu den eigenen Emotionen und zum eigenen Erleben überhaupt erst angeregt werden. Sie werden im Laufe ihrer Entwicklung selten dazu ermuntert, ihren Gefühlen zu trauen, besonders wenn diese auf befremdliche, für ihre Umgebung schwer nachvollziehbare Weise zum Ausdruck kommen. So lernen sie, ihre Gefühle mehr und mehr zu unterdrücken oder ihr Erleben gar nicht mehr wahrzunehmen. Da dies nur bis zu einem gewissen Maß möglich ist, brechen die aufgestauten Emotionen von Zeit zu Zeit umso heftiger und inadäquater hervor.
Wenn die Bezugspersonen im Alltag immer wieder einmal das Erleben ansprechen (zum Beispiel: "Du ärgerst Dich jetzt, weil Du abtrocknen musst." Oder beim Duschen: "Sie mögen es, wenn Ihnen das warme Wasser über den Rücken rieselt."), hilft das dem anderen Menschen, sein Erleben und seine Gefühle deutlicher wahrzunehmen. Auch lässt sich auf diese Weise manche aggressive Eskalation vermeiden. Zumindest aber wird die Entfremdung vom eigenen Erleben, an der so viele Menschen mit geistiger Behinderung leiden, nicht noch weiter verstärkt.
Eigenständigkeit unterstützen
Das Postulat, die Selbständigkeit zu fördern, ist heutzutage unbestritten. Doch wenn wir genau hinsehen, beinhaltet es meist sehr genaue Vorstellungen davon, was die betroffenen Personen "selbständig" tun sollten. Ob das auch dem entspricht, was sie selber wollen, wird selten gefragt. So kippt, was als Förderung von Selbständigkeit gedacht ist, häufig ins Gegenteil um und wird zur Bevormundung. Ich spreche deshalb lieber von Eigenständigkeit. Eigenständig handeln kann manchmal auch heißen, sich nicht so zu verhalten, wie die Bezugspersonen es möchten. Das sollte nicht als persönliche Kränkung aufgefasst und bekämpft, sondern als eigenständige Regung begrüßt und - wo immer der Rahmen es zulässt - unterstützt werden. Eigenständig handeln kann auch heißen, einmal einen Sonntagvormittag im Bett zu verbringen oder einmal nicht am gemeinsamen Ausflug teilzunehmen. Eigenständig handeln heißt immer auch: Verantwortung für sich selber übernehmen. Diese Verantwortung sollte Menschen mit geistiger Behinderung, im Rahmen des Möglichen, wo immer es geht, zugestanden und zugetraut werden, auch wenn sie sich dann vielleicht nicht so verhalten, wie es den Bezugspersonen richtig erscheint.
Menschen, die weitgehend fremdbestimmt leben müssen, haben meist ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Eigenständigkeit, selbst wenn sie vordergründig zu Überanpassung neigen. Wenn für dieses Bedürfnis zu wenig Spielraum vorhanden ist, kann es sich an Kleinigkeiten festhaken, die den Bezugspersonen völlig nebensächlich erscheinen, für die betroffenen Menschen aber äußerst wichtig sind. Menschen mit geistiger Behinderung empfinden dieses Autonomiebedürfnis oft sehr diffus und bringen es durch widerspenstiges, für ihre Umgebung unverständliches Verhalten zum Ausdruck. Wenn wir dieses Verhalten nicht ausschließlich als etwas Störendes betrachten, das bekämpft werden muss, sondern als Ausdruck von Eigenständigkeitsbestrebungen zu verstehen versuchen, dann lässt sich nicht nur mancher fruchtlose Machtkampf vermeiden, sondern es eröffnen sich auch ganz neue Gesichtspunkte für Veränderungen und Weiterentwicklung. Um eigenständig handeln zu können, braucht es
Überschaubare Wahlmöglichkeiten geben
Eine Wahl haben, selber entscheiden können: das trägt maßgeblich zur Lebensqualität bei. Deshalb ist es unverzichtbar, Menschen mit geistiger Behinderung, wo immer es geht, Wahlmöglichkeiten zu bieten. Das fördert die Eigenständigkeit und stärkt das Selbstwertgefühl. Auch für sehr schwer behinderte Menschen lassen sich manchmal noch winzige Entscheidungsmöglichkeiten ausfindig machen, die den Bezugspersonen belanglos erscheinen mögen, aber für das Lebensgefühl des betreffenden Menschen von Bedeutung sind. Vielleicht kann er - beispielsweise - zwischen zwei Kaffeetassen wählen oder selber entscheiden, wann beim Händewaschen das Wasser abgestellt werden soll? Wichtig ist, dass solche Angebote die behinderten Menschen nicht überfordern, sondern ihren individuellen Möglichkeiten angepasst und für sie überschaubar sind.
Auf einen Aspekt möchte ich noch hinweisen, dem meines Erachtens viel zu wenig Beachtung geschenkt wird:
Die schwierigen Anforderungen des Gruppenlebens
In einer Gruppe zu leben - noch dazu in einer, die nicht selbst gewählt werden kann - stellt hohe Anforderungen an die sozialen Fähigkeiten geistig behinderter Menschen. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich ihnen - die ja in der Regel auch als sozial behindert gelten - diese Anforderungen zugemutet werden. Erstaunlich sind auch die beachtlichen Leistungen, welche geistig behinderte Menschen in dieser Hinsicht erbringen - Leistungen, zu denen wir selber wahrscheinlich nicht ohne weiteres bereit wären. Wie wäre uns wohl zumute, wenn wir so eng mit anderen Menschen zusammenleben müssten, die wir uns nicht ausgesucht haben und deren Verhalten oft mühsam und manchmal sogar bedrohlich ist? Immer wieder stelle ich fest, wie belastend für viele Menschen mit geistiger Behinderung die Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kolleginnen und Kollegen sind. Es wäre sinnvoll, hier die Ansprüche manchmal etwas herunterzuschrauben - sie entsprechen ohnehin meist mehr den Gruppenidealen von Pädagogen und Psychologen als den tatsächlichen Bedürfnissen der betroffenen Menschen. Gewiss, die Möglichkeiten sind begrenzt, doch können auch unter den gegebenen Rahmenbedingungen vermehrt Rückzugsmöglichkeiten geschaffen und da und dort individuellere Lösungen gesucht werden. Und wo das gar nicht geht, sollte zumindest die Problematik der Situation erkannt und den Schwierigkeiten, die viele Bewohnerinnen damit haben, Verständnis entgegengebracht werden. Das allein bewirkt schon eine gewisse Entlastung.
Die hier angesprochenen Aspekte können nur angemessen berücksichtigt werden, wenn wir die Menschen, um die es geht,
Ernstnehmen
Das ist die Voraussetzung, unter der alles andere erst möglich wird. Es geht dabei zum einen um eine ganz grundlegende Haltung: andere - für uns vielleicht fremde oder auch befremdliche - Formen menschlicher Existenz zu respektieren. Sie sind nicht nur auf unsere Akzeptanz und Unterstützung angewiesen, sondern wir können durchaus auch von ihnen lernen. Zum anderen geht es auch ganz einfach darum, im täglichen Leben Menschen mit Behinderungen ernst zu nehmen: ihre Gefühle, auch wenn sie uns unangemessen erscheinen oder sich gegen uns richten; ihre Wünsche und Bedürfnisse, auch wenn wir sie nicht erfüllen können. Menschen mit geistiger Behinderung oder anderen Beeinträchtigungen müssen auch dann ernstgenommen werden, wenn ihre Äußerungen unverständlich und ihre Verhaltensweisen absurd erscheinen. Etwas versucht sich darin auszudrücken, das nicht einfach nur mit dem Stempel "behindert" oder "gestört" oder "verwirrt" abgetan werden darf, auch wenn wir es nicht verstehen können. Allein schon das Bemühen um Verstehen, der Versuch, sich in die subjektive Welt des anderen Menschen einzufühlen, bewirkt, dass er sich besser angenommen fühlt. Das wiederum fördert sein Wohlbefinden und stärkt sein Selbstvertrauen. Diese Arbeitweise erfordert nicht mehr Zeitaufwand, vielmehr geht es darum, Schwerpunkte anders zu setzen, den Blickwinkel zu verändern und Prioritäten neu zu überdenken. Meist sind es Nuancen, welche sich entscheidend auf die Lebensqualität auswirken, nicht nur für die behinderten Menschen, sondern auch für diejenigen, die in diesem anspruchsvollen - und manchmal überfordernden - Berufsfeld arbeiten. Das Wissen um diese Nuancen und die Sensibilität dafür, eröffnet neue Perspektiven, welche die tägliche Arbeit sowohl entspannter wie auch spannender werden lassen und allen Beteiligten mehr Befriedigung ermöglichen.
Marlis Pörtner, Psychologin, Psychotherapeutin, Autorin lebt in Zürich. Sie arbeitet als Psychotherapeutin in eigener Praxis, seit vielen Jahren auch mit Menschen mit geistiger Behinderung. Zudem ist sie in Praxisberatung und Fortbildung für Mitarbeitende sozialer Institutionen tätig. Neben zahlreichen Artikeln in Fachzeitschriften hat sie mehrere Bücher publiziert, alle im Verlag Klett-Cotta, Stuttgart:
Praxis der Gesprächspsychotherapie - Interviews mit Therapeuten. (1994)
Ernstnehmen, Zutrauen, Verstehen - Personzentrierte Haltung im Umgang mit geistig behinderten und pflegebedürftigen Menschen. (1996, 2004. 4. überarbeitete und erweiterte Auflage)
Brücken bauen. Menschen mit geistiger Behinderung verstehen und begleiten. (2003)
Alt sein ist anders. Personzentrierte Betreuung von alten Menschen. (2005)
sowie gemeinsam mit Garry Prouty und Dion Van Werde: Prä-Therapie. (1998)